Mittwoch, 24. Mai 2017

Le Grand Depart - Düsseldorf und die Franzosen

Hier soll er also gekrönt werden, der erste Bergkönig der Tour de France, am 2.Juli 2017 auf einem Hügel an der Grafenberger Rennbahn. In der Sprache der Experten – ein Berg der„4. Kategorie“, also ein Mickerling; im Gegensatz zur Stimmung in Düsseldorf. Denn hier geht es um eine Erhebung "hors categorie" (außerhalb von jedem Maßstab). Und das ist gut so, denn sonst wäre die ganze Inszenierung unattraktiv für die Medien und die enormen Werbungskosten für die Katz.

Unser „premier maire“ Thomas Geisel übt fleißig Französisch. Die „maillots“ (Trikots) hat er schon drauf. Das rot gepunktete Bergtrikot heißt "maillot à pois" (mit Pünktchen); nicht zu verwechseln mit „à poil“ (splitternackt). Oh la la, das kann peinlich werden! „bidon“ (Trinkflasche) - „musette“  (Verpflegungsbeutel) - „grand boucle“ (Große Schleife) alles klar. Aber „finale“, le oder la? Schnell das Wörterbuch!

WIR - SIE

Die Beziehung zwischen Düsseldorf und den Franzosen war oft einseitig: Wir liebten sie, aber sie gaben die Liebe nicht zurück und haben uns mehrfach gehörig drangsaliert.
Der machtgierige Sonnenkönig „Louis Quatorze“ zerstörte die Pfalz und machte das Heidelberger Schloss von Jan-Wellem bis heute zur Ruine. Französische Revolutionstruppen zerschossen 1796 die Stadt Düsseldorf und verwüsteten den heiligen Hofgarten.
Doch stärker war letztendlich der Enthusiasmus für die Ideale der französischen Revolution…

Liberté - Égalité - Fraternité

Napoleon belohnte uns. Er machte Düsseldorf zur Hauptstadt eines Großherzogtums. Joachim Murat, ein Schwager des Kaisers, war Chef dieses "Grand-duché de Berg". Er ritt in papagei-farbenen Uniformen herum und schaffte die Strecke von der Altstadt zum Benrather Schloss in 20 Minuten. Die Rheinbahn braucht dazu fast eine Stunde.

Die Preußen bestraften uns und sahen schließlich ihren König mit Pferdekot bekleckert. Das wiederum führte zu außerordentlichen Bußprozessionen nach Berlin und der Tatsache, dass fast die Hälfte unserer Straßennamen Preußens Glanz und Gloria besingt.
Die Liebe zu Frankreich kehrt zurück, als 1990 im schrecklichen Derendorfer Güterbahnhof die Trödelhalle "Les Halles" eröffnet wird. Die Düsseldorfer taufen sie auf "Läsalles" und von nun an kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Die "Allee de Toulouse" wird zur Autofalle, "Le Flair" und "Ciel et Terre" bauen Wolkenkratzer, mit „Quartier Central, Quartier Boheme, Quartier André“ wird die Stadt parzelliert und mit Retematäng und anderen Fiesematänten geht es direktemang zu „bon chic – bon genre“.
Kein Wunder, dass wir uns oft nicht verstehen: Aus „tournedos“ (Rindsfilet) wird ein Tornado, aus dem „hotel de ville“ (Rathaus) eine städtische Herberge und mit „quel bordel !“ ist keineswegs ein Freudenhaus gemeint, sondern Unordnung und Konfusion.
Genau das hatte ein Staatsekretär Napoleons vor Augen, als er schrieb: "Hier herrscht Chaos und Schlamperei... wie in Paris." Doch die Düsseldorfer sind nicht auf den Mund gefallen und erfinden den Ausdruck „Klein-Paris“.

Düsseldorf – le petit Paris

Heute würde man MARKETING dazu sagen.

Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © 2017 geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Sonntag, 23. April 2017

Rettet das Theatermuseum - Rettet das Hofgärtnerhaus!


Triton, der Meeresgott, den wir zärtlich "Jröne Jong" nennen, wehrt sich erschrocken gegen ein aus der Tiefe auftauchendes Flusspferd, dass ihm sein Essen stehlen will. Die Düsseldorfer fühlen sich wie Triton. Man will ihnen das schöne Haus neben dem Springbrunnen stehlen und privaten Investoren zuschanzen.

Kurfürst Carl Theodor hatte es angeordnet. Sein Architekt Nicolas de Pigage hatte es gebaut. Caspar Anton Huschberger hatte es nach den Zerstörungen durch die Franzosen 1804 wieder aufgebaut. Adolph von Vagedes arbeitete daran. Die modernen Gartenschöpfer Friedrich Hillebrecht (Ostpark / Volksgarten) und Walter von Engelhardt (Kö / Kugelspielerin) halfen mit. Der größte unter ihnen Maximilian Friedrich Weyhe wohnte in diesem Haus, zumindest eine Zeit lang. Die größten Theatermacher der Stadt Leberecht Immermann, Louise Dumont und Gustaf Gründgens machten es mit ihren Denkmälern zum Theatermuseum.

Das Portal zum Himmel


Das Hofgärtnerhaus war der Eingang zum Hofgarten, mit eisernem Gitter abgeschlossenem, dahinter die viel besungenen heiligen Felder (Champs Elysées) von Düsseldorf, also ein Ort, von wo es direkt in den Himmel geht. Goethe und Heine weilten weiland an dieser Stelle und sind heute gewissermaßen im „Himmel der Literatur“.

Hier vor der westlich gelegenen Stadtmauer befand sich einst der Gemüsegarten von Wilhelm dem Reichen, später der Hopfengarten von Jan Wellem. Hier entsteht ab 1769 der Hofgarten, der erste öffentliche Park Deutschlands, zur „Lust der Einwohnerschaft“, noch früher als der "Englische Garten" in München.

Mit Blasmusik und Gegröle


Schon einmal wurde das Haus des Hofgärtners entweiht, denn der Gärtner-Familie war es erlaubt, "Refraichments" zu reichen. Diese Erfrischungen scheinen jedoch ziemlich viel Alkohol enthalten zu haben, denn nach vierjährigem Aufenthalt in der Dienstwohnung des Hofgärtnerhauses gab der Gartenbaumeister Maximilian Weyhe im Jahre 1808 entnervt auf und zog in die Jacobistraße, weil der Lärm der Gastronomie im Untergeschoss, verbunden mit lauter Blasmusik nicht zu ertragen war.

Der Garten der Götter


Am Anfang gab es um das Gärtnerhaus einen eigenen kleinen Garten voller Gestalten der Götterwelt. Zwei ragten hervor und ergötzten die Düsseldorfer Gesellschaft bei ihren Spaziergängen über die "Pempelforter Promenade": das sonderbare Paar Herkules und Omphale.

Herkules, der stärkste Held der Antike war in blinder Liebe zu Omphale zum Narren geworden: in Frauenkleidern erschlafft, half er beim Wolle weben und Stricken.

Unser OB Thomas Geisel, der „Herkules von Düsseldorf“, wird sicherlich von anderen Qualen gepeinigt. Aber auch er muss aufpassen, dass er nicht zum Narren wird und dabei das Wichtigste verliert: das Vertrauen und die Zuneigung seiner Bürger.

Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © 2017 geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Dienstag, 28. März 2017

Nach über 100 Jahren: Carsch Haus macht dicht

Angefangen hatte alles im März 1915: Der Kaufmann Paul Carsch eröffnete ein „Haus für vornehme Herren- und Knabenkleidung, Sport- und Livree-Kleidung + Herren-Mode-Artikel“, als Gegenstück zum Warenhaus Tietz aus dem Jahre 1909 (heute: KAUFHOF). Beide Unternehmen mit prächtigen Jugendstil-Fassaden schrieben Kaufhausgeschichte.
Die Gründerfamilien Tietz und Carsch, wurden von den Nazis erst drangsaliert „Deutsche kauft nicht bei Juden!“ dann arisiert (d.h. zwangsenteignet) und verfolgt.
Nach den Zerstörungen des letzten Krieges wurde das zertrümmerte Carsch-Haus 1949 von der englischen Militärbehörde zum „Anglo German Center“ aufgebaut.
Wo unsere Kinoleidenschaft begann
Dieter Jäger erinnert sich: „Reeducation“ nannten sie es, wir wurden alle entnazifiziert. Ich wusste mit den Nazis damals noch nicht viel anzufangen, aber es gab Micky Maus, Dick und Doof umsonst. Da nahm man auch schon mal die vielen Kulturfilme in Kauf; alles in Englisch, das half mir in der Schule.
Ich hatte bis dahin nicht viele Filme gesehen, meine Mutter nannte es Teufelszeug… und es kostete Geld. Hier also alles umsonst, der Start meiner geheimen Leidenschaft in den Kinos auf der Graf Adolf Straße.
Nach dem Kino ging es nebenan zum einzigen Paternoster im Marx-Haus: Oben würde man umkippen, hieß es oder unten auf dem Kopf stehen. Es war Kino live: zuerst die Schuhe, die Beine, dann vielleicht eine schöne Frau; und spannend war es auch, das rechtzeitige Raus- und Reinspringen.
"Schiebung" war in
Als 1979 die U-Bahn kam, wurde "Die Brücke" (so hieß das Haus jetzt) um 23 m nach hinten verschoben, Stein für Stein abgebaut, nummeriert und wieder zusammen gesetzt, eine einmalige Aktion.
Drei Jahre zuvor hatte man eine noch größere „Brücke am Rhein“ verschoben: der Neubau der Oberkasseler, knapp 50 Tonnen Stahl mit viel Schmierseife 50 m stromabwärts. Düsseldorf war schon immer bekannt für spektakuläre Aktionen, besonders wenn Millionen von TV-Zuschauern weltweit dabei sind.

Eine neue Brücke entsteht

In der neuen BRÜCKE im Marx-Haus pflegten 27 Auslandsgesellschaften kulturellen Austausch mit Düsseldorf, darunter der deutsch russische Kreis "Kontakti". In der Gorbi-Euphorie der 90iger Jahre machte ich Führungen für Russen und fuhr 6mal mit meiner Schule zur Partnerstadt Moskau.
Als ich in der wunderschönen Metro eine Stunde lang vergebens das rettende Wort "Ausgang" suchte, lernte ich Russisch. "Maria iz Petersburga", ein Au Pair Mädchen, war eine strenge Lehrerin. Zehnmal ließ sie mich die Vokabel wiederholen: "Sdrastwuitje" (Guten Tag). "Nein Dieter, das ist noch nicht richtig". Wir übten im Flur der BRÜCKE, ausgerüstet mit Magnetophon und Steckdose.
Der Hausmeister blickte argwöhnisch vorbei: eine schöne junge Frau, ein alter Mann, Schweinereien?

Ich habe alles vergessen, aber wenn ich heute im Keller der BRÜCKE, unter dem alten Carschhaus, meinen Tiramisu genieße, sage ich leise "tirami su" (zieh mich rüber!).
"Maria iz Petersburga" sitzt neben mir, ich bin wieder jung und wir fahren zusammen in ihre große goldene Stadt.

Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de