Dienstag, 20. Juni 2017

Mit Heine nach Paris

Auf der Spur der Tour: Vom Grand Depart zum Grande Finale


Als der Schriftsteller Heinrich Heine am 19 Mai 1831 an der Porte St Denis in Paris ankommt, ist er 33 Jahre alt. Ein junger Mann, in Deutschland schon sehr berühmt, aber auch verhasst bei der preußischen Obrigkeit und ständig von Zensur bedroht.
Er zieht ein durch die Triumpf-Pforte des Boulevard St.Denis, die – so berichtet er selbstbewusst - „ursprünglich zu Ehren Ludwigs XIV. errichtet worden, jetzt aber zur Verherrlichung meines Einzugs in Paris diente."
Die Stadt steht noch im Zeichen der Julirevolution von 1830, als rebellische Bürger dem König zeigen, dass man Barrique Fässer auch zu etwas anderem benutzen kann. Daher der Name Barrikade. An der Spitze der Revolution: liberale Bürger, denen man das Recht auf Publikation verwehrte, im Bündnis mit Druckern, die um ihre Arbeitsplätze fürchteten. Das imponiert Heinrich Heine.
Und feinsinnig beobachtet er: „An den Straßenecken waren freilich hie und da die liberté, égalité, fraternité schon wieder abgewischt.“

Auch sein Französisch war rostig geworden…

und so probiert er es gleich bei einem hübschen Blumenmädchen aus, ob sie ihn versteht. Das klappt noch nicht so richtig, denn er doziert über Lennes Pflanzeneinteilung und sie sagt ihm, dass es doch nur 2 Sorten Blumen gibt: die schönen wohl­riechenden und solche, die stinken. Da haben wir ihn Heinrich Heine, der in beiden Welten lebt.
Er zieht in das Hotel „Des Ambassadeurs“ und wählt so das Viertel, das ihn die nächsten 24 Jahre nicht mehr loslassen wird. Mit sicherem Bauchgefühl hat er das pulsierende Herz von Paris im Jahr 1831 gefunden. Seine wichtigsten Wohnungen liegen hier: Rue de l'Échiquier, Rue Bergère, Boulevard Poissonnière.
Der Sonnenkönig Ludwig der 14te hatte 1673 übermütig die Stadtmauer von Karl V. abgerissen. An seine Stelle ließ er die erste riesig große Straße von Paris bauen und mit Bäumen bepflanzen. Diese Straße wird vom deutschen Wort "Bollwerk" abgeleitet, bald "Boulevard" genannt.

Draußen vor der großen Stadt

Heine lag mit dem Wohnsitz auf dem Boulevard an der Nahtstelle zwischen dem mittelalterlichen Paris südlich zur Seine und dem Neubaugebiet nördlich in Richtung Montmartre
Dieses Neubaugebiet nennen die Pariser "Faubourg" (Vorstadt). Der Faubourg Montmartre (das spätere 9.Arrondissement) wird seine Heimat. Hier waren die Wohnungen geräumiger, zum Teil noch mit Gärten oder Weingärten durchsetzt. Am langsam aufsteigenden, der Süd Sonne zugewandten Hang von Montmartre hing sein Herz. Auf dem jungen Friedhof Montmartre wollte er auch begraben werden. Auf Grund des langsamen Aufstiegs zum Berg Montmartre war dieses Viertel bevorzugt und von allen Faubourgs am weitesten besiedelt.
Hinzu kommt, dass in gerader Linie zur Seine das Palais Royal lag, der Mittelpunkt des „Ancien Regime“ mit seiner Opern und Theaterwelt. Später wird auf dieser geraden Linie „Montmartre-Palais Royal“ das Einkaufzentrum LAFAYETTE entstehen und die neue Oper: das Zentrum der "Belle Epoque".
War früher die Rue de Richelieu die Prachtstraße, so wird noch vor dem Baron Haussmann die Avenue d´Opera das neuste Prunkstück. Zwischen den Bergen Montmartre und Belleville liegen die Täler, die von der Eisenbahn besetzt werden (Gare de Lazare, Gare de l‘Est, Gare du Nord).
Heine lebt drei Jahre als Junggeselle in immer wechselnden Hotels oder Wohnungen. Die unzähligen Liebesabenteuer seiner Gedichte sind gewiss übertrieben. "Samstag küsste mich Jette und Sonntag die Julia und Montag die Kunigunde, die hat mich zerküsst beinah".

Heine und die Frauen: Oh, la la Mathilde !

Im September 1834 sieht er in seiner Lieblingspassage (Passage des Panoramas) eine siebzehnjährige Schuhverkäuferin und es ist um ihn geschehen. Er nennt sie nach einer seiner Romanfiguren "Mathilde".
Nach 7jähriger wilder Ehe (vor einem vielleicht tödlichen Duell) heiratet er sie1841 in der größten Kirche St Sulpice. Mit Mathilde wird er sesshafter, aber die Wohnungen bleiben immer im 9. Arrondissement.
Das Sonnenviertel Montmartre zieht natürlich auch andere an .Die meisten seiner Kollegen wohnen hier. Hier gibt es die „folies“, die Sommerresidenzen und heimlichen Liebeslauben des Adels und Großbürgertums. Hier gibt es die weinseligen Guinguettes-Feste. Hier ist der Carnaval neben der berühmten "Descente de Courtille" am ausgelassensten. Hier winken die leichten Mädchen, die Lorettes oder auch die stilleren Grisettes, die schönsten Mädchen von Paris, sie sind alle hier.
Mit den Schauspielerinnen und Sängerinnen von der „Commedie Francaise“ und den drei Opern fängt es an. Sie siedeln an der herausragenden Chaussee d‘Antin und in der Rue de la Tour des Dames (mit den „Damen“ waren allerdings die keuschen Nonnen von Montmartre gemeint).
Heines Freundin, das Mannweib mit Zigarre George Sand wohnt hier mit ihrem Geliebten Chopin im Square d’Órleans. Delacroix, der sie malte, wohnt daneben. Toulouse Lautrec später in der Rue St George, selbst der große Victor Hugo in der Rue Laroche-Foucauld. Im Salon der Delphine Grey treffen sich Balzac, Dumas, Hugo, die Brüder Goncourt, später Andre Breton und Richard Wagner. Wenn Heine von der Weltspitze Paris sprach, dann war es hier im 9. Arrondissement.

PALAIS ROYAL, die Herzkammer der Stadt

Mit Börne ging er zum dîner ins „Palais Royal“. Hier stand der Rechtsanwalt Camille Desmoulins am 13.Juli 1789 auf einem Tisch des Café de Foy und rief zum Aufstand, zu den Waffen. Am nächsten Tag begann die Revolution mit dem Sturm auf die Bastille.
Hier gab es die besten Cafes und nebenan die Comedie Francaise. Alle Opern lagen hier, aber auch die Versammlungsräume der St.Simonisten (=sozial-religiöse Schwärmer). Heine geht gleich am zweiten Tag dorthin.
Heine war Journalist der Allgemeinen Zeitung des Herrn Cotta aus München. Also berichtet er todesmutig vom Ausbruch der Cholera 1832, von den Leichenbergen im neuen Ostfriedhof Père Lachaise, vom Aufstand der Chiffoniers der Lumpensammler.
Er sah die Schattenseite der großen Stadt: die Cours des Miracles, die Hugo besang, die Halles mit dem Friedhof gleich daneben, den schrecklichen Richtplatz Grèves, wo das Rathaus stand, das in allen Revolutionen eine Hauptrolle spielte.
Das Trinkwasser kam von der Seine, die aber auch Abort aller Exkremente war, die größte Kloake der Stadt. Man glaubte an das gesunde Wasser der Seine, das so wild daher floss mit Luft durchmischt, das musste ja gesund sein.

Alles auf die Straße!

… war die Parole im Paris mit mittelalterlichen Zügen: der Nachttopf, der Besen, ganz allmählich Jauchegruben. Das "heimliche Zimmer" verlegte man wegen des Gestanks unter das Dach. In den engen Gassen hüpften skurrile Gestalten im Schmutz über die Straßenrinne von einer Seite zur anderen.
Heine lebte am Anfang der Industriellen Revolution. 1840 entsteht im Niemandsland der erste Bahnhof St.Lazare, die ersten Kioske, zum ersten Mal gehen die Cafés auf die Straße, überall entstehen Bistros, die Kneipen der kleinen Leute. All dies geschieht in seiner Gegend im 9. Arrondissement.
Als er krank wird, zieht er mit Mathilde etwas weiter rauf zum Montmartre in ein ganz neues Neubauviertel, das man "Europe" nennt. Er kann nicht mehr so mitmischen.
Zum Sterben geht er in die Rue de Matignon 3, am Rond Point neben der Champs Elysees. Sicherlich hat er das bewusst gewählt. 300m daneben liegt der Elysee-Palast, der der ganzen Gegend den Namen gibt. Hier hatte die Pompadour gewohnt, dann Murat, den er aus der Düsseldorf Zeit als Chef des „Grand Duché de Berg“ kannte. Er hatte als Knabe die Pempelforter Promenade geliebt, die man damals schon die "Champs Elysees von Düsseldorf" nannte.
Jetzt ist er - am Ende - auf der richtigen Champs Elysees angekommen. Man schiebt den totkranken Mann auf den Balkon und er lauscht dem Getöse der langsam zur Spitze der Stadt wachsenden großartigen Straße.
Hier wird er sterben um 6 Uhr früh am 17 Februar 1856. Er war auf den heiligen Feldern der Champs Elysees. Er hatte es nicht weit bis zum Paradies.

Autor: Dieter Jaeger    Redaktion: Bruno Reble    © 2017 geschichtswerkstatt-duesseldorf.de
Erläuterungen zur Aussprache  s. wiktionary.org,  zum Inhalt s. wikipedia.org

Mittwoch, 24. Mai 2017

Le Grand Depart - Düsseldorf und die Franzosen

Hier soll er also gekrönt werden, der erste Bergkönig der Tour de France, am 2.Juli 2017 auf einem Hügel an der Grafenberger Rennbahn. In der Sprache der Experten – ein Berg der„4. Kategorie“, also ein Mickerling; im Gegensatz zur Stimmung in Düsseldorf. Denn hier geht es um eine Erhebung "hors categorie" (außerhalb von jedem Maßstab). Und das ist gut so, denn sonst wäre die ganze Inszenierung unattraktiv für die Medien und die enormen Werbungskosten für die Katz.

Unser „premier maire“ Thomas Geisel übt fleißig Französisch. Die „maillots“ (Trikots) hat er schon drauf. Das rot gepunktete Bergtrikot heißt "maillot à pois" (mit Pünktchen); nicht zu verwechseln mit „à poil“ (splitternackt). Oh la la, das kann peinlich werden! „bidon“ (Trinkflasche) - „musette“  (Verpflegungsbeutel) - „grand boucle“ (Große Schleife) alles klar. Aber „finale“, le oder la? Schnell das Wörterbuch!

WIR - SIE

Die Beziehung zwischen Düsseldorf und den Franzosen war oft einseitig: Wir liebten sie, aber sie gaben die Liebe nicht zurück und haben uns mehrfach gehörig drangsaliert.
Der machtgierige Sonnenkönig „Louis Quatorze“ zerstörte die Pfalz und machte das Heidelberger Schloss von Jan-Wellem bis heute zur Ruine. Französische Revolutionstruppen zerschossen 1796 die Stadt Düsseldorf und verwüsteten den heiligen Hofgarten.
Doch stärker war letztendlich der Enthusiasmus für die Ideale der französischen Revolution…

Liberté - Égalité - Fraternité

Napoleon belohnte uns. Er machte Düsseldorf zur Hauptstadt eines Großherzogtums. Joachim Murat, ein Schwager des Kaisers, war Chef dieses "Grand-duché de Berg". Er ritt in papagei-farbenen Uniformen herum und schaffte die Strecke von der Altstadt zum Benrather Schloss in 20 Minuten. Die Rheinbahn braucht dazu fast eine Stunde.

Die Preußen bestraften uns und sahen schließlich ihren König mit Pferdekot bekleckert. Das wiederum führte zu außerordentlichen Bußprozessionen nach Berlin und der Tatsache, dass fast die Hälfte unserer Straßennamen Preußens Glanz und Gloria besingt.
Die Liebe zu Frankreich kehrt zurück, als 1990 im schrecklichen Derendorfer Güterbahnhof die Trödelhalle "Les Halles" eröffnet wird. Die Düsseldorfer taufen sie auf "Läsalles" und von nun an kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Die "Allee de Toulouse" wird zur Autofalle, "Le Flair" und "Ciel et Terre" bauen Wolkenkratzer, mit „Quartier Central, Quartier Boheme, Quartier André“ wird die Stadt parzelliert und mit Retematäng und anderen Fiesematänten geht es direktemang zu „bon chic – bon genre“.
Kein Wunder, dass wir uns oft nicht verstehen: Aus „tournedos“ (Rindsfilet) wird ein Tornado, aus dem „hotel de ville“ (Rathaus) eine städtische Herberge und mit „quel bordel !“ ist keineswegs ein Freudenhaus gemeint, sondern Unordnung und Konfusion.
Genau das hatte ein Staatsekretär Napoleons vor Augen, als er schrieb: "Hier herrscht Chaos und Schlamperei... wie in Paris." Doch die Düsseldorfer sind nicht auf den Mund gefallen und erfinden den Ausdruck „Klein-Paris“.

Düsseldorf – le petit Paris

Heute würde man MARKETING dazu sagen.

Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © 2017 geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Sonntag, 23. April 2017

Rettet das Theatermuseum - Rettet das Hofgärtnerhaus!


Triton, der Meeresgott, den wir zärtlich "Jröne Jong" nennen, wehrt sich erschrocken gegen ein aus der Tiefe auftauchendes Flusspferd, dass ihm sein Essen stehlen will. Die Düsseldorfer fühlen sich wie Triton. Man will ihnen das schöne Haus neben dem Springbrunnen stehlen und privaten Investoren zuschanzen.

Kurfürst Carl Theodor hatte es angeordnet. Sein Architekt Nicolas de Pigage hatte es gebaut. Caspar Anton Huschberger hatte es nach den Zerstörungen durch die Franzosen 1804 wieder aufgebaut. Adolph von Vagedes arbeitete daran. Die modernen Gartenschöpfer Friedrich Hillebrecht (Ostpark / Volksgarten) und Walter von Engelhardt (Kö / Kugelspielerin) halfen mit. Der größte unter ihnen Maximilian Friedrich Weyhe wohnte in diesem Haus, zumindest eine Zeit lang. Die größten Theatermacher der Stadt Leberecht Immermann, Louise Dumont und Gustaf Gründgens machten es mit ihren Denkmälern zum Theatermuseum.

Das Portal zum Himmel


Das Hofgärtnerhaus war der Eingang zum Hofgarten, mit eisernem Gitter abgeschlossenem, dahinter die viel besungenen heiligen Felder (Champs Elysées) von Düsseldorf, also ein Ort, von wo es direkt in den Himmel geht. Goethe und Heine weilten weiland an dieser Stelle und sind heute gewissermaßen im „Himmel der Literatur“.

Hier vor der westlich gelegenen Stadtmauer befand sich einst der Gemüsegarten von Wilhelm dem Reichen, später der Hopfengarten von Jan Wellem. Hier entsteht ab 1769 der Hofgarten, der erste öffentliche Park Deutschlands, zur „Lust der Einwohnerschaft“, noch früher als der "Englische Garten" in München.

Mit Blasmusik und Gegröle


Schon einmal wurde das Haus des Hofgärtners entweiht, denn der Gärtner-Familie war es erlaubt, "Refraichments" zu reichen. Diese Erfrischungen scheinen jedoch ziemlich viel Alkohol enthalten zu haben, denn nach vierjährigem Aufenthalt in der Dienstwohnung des Hofgärtnerhauses gab der Gartenbaumeister Maximilian Weyhe im Jahre 1808 entnervt auf und zog in die Jacobistraße, weil der Lärm der Gastronomie im Untergeschoss, verbunden mit lauter Blasmusik nicht zu ertragen war.

Der Garten der Götter


Am Anfang gab es um das Gärtnerhaus einen eigenen kleinen Garten voller Gestalten der Götterwelt. Zwei ragten hervor und ergötzten die Düsseldorfer Gesellschaft bei ihren Spaziergängen über die "Pempelforter Promenade": das sonderbare Paar Herkules und Omphale.

Herkules, der stärkste Held der Antike war in blinder Liebe zu Omphale zum Narren geworden: in Frauenkleidern erschlafft, half er beim Wolle weben und Stricken.

Unser OB Thomas Geisel, der „Herkules von Düsseldorf“, wird sicherlich von anderen Qualen gepeinigt. Aber auch er muss aufpassen, dass er nicht zum Narren wird und dabei das Wichtigste verliert: das Vertrauen und die Zuneigung seiner Bürger.

Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © 2017 geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Dienstag, 28. März 2017

Nach über 100 Jahren: Carsch Haus macht dicht

Angefangen hatte alles im März 1915: Der Kaufmann Paul Carsch eröffnete ein „Haus für vornehme Herren- und Knabenkleidung, Sport- und Livree-Kleidung + Herren-Mode-Artikel“, als Gegenstück zum Warenhaus Tietz aus dem Jahre 1909 (heute: KAUFHOF). Beide Unternehmen mit prächtigen Jugendstil-Fassaden schrieben Kaufhausgeschichte.
Die Gründerfamilien Tietz und Carsch, wurden von den Nazis erst drangsaliert „Deutsche kauft nicht bei Juden!“ dann arisiert (d.h. zwangsenteignet) und verfolgt.
Nach den Zerstörungen des letzten Krieges wurde das zertrümmerte Carsch-Haus 1949 von der englischen Militärbehörde zum „Anglo German Center“ aufgebaut.
Wo unsere Kinoleidenschaft begann
Dieter Jäger erinnert sich: „Reeducation“ nannten sie es, wir wurden alle entnazifiziert. Ich wusste mit den Nazis damals noch nicht viel anzufangen, aber es gab Micky Maus, Dick und Doof umsonst. Da nahm man auch schon mal die vielen Kulturfilme in Kauf; alles in Englisch, das half mir in der Schule.
Ich hatte bis dahin nicht viele Filme gesehen, meine Mutter nannte es Teufelszeug… und es kostete Geld. Hier also alles umsonst, der Start meiner geheimen Leidenschaft in den Kinos auf der Graf Adolf Straße.
Nach dem Kino ging es nebenan zum einzigen Paternoster im Marx-Haus: Oben würde man umkippen, hieß es oder unten auf dem Kopf stehen. Es war Kino live: zuerst die Schuhe, die Beine, dann vielleicht eine schöne Frau; und spannend war es auch, das rechtzeitige Raus- und Reinspringen.
"Schiebung" war in
Als 1979 die U-Bahn kam, wurde "Die Brücke" (so hieß das Haus jetzt) um 23 m nach hinten verschoben, Stein für Stein abgebaut, nummeriert und wieder zusammen gesetzt, eine einmalige Aktion.
Drei Jahre zuvor hatte man eine noch größere „Brücke am Rhein“ verschoben: der Neubau der Oberkasseler, knapp 50 Tonnen Stahl mit viel Schmierseife 50 m stromabwärts. Düsseldorf war schon immer bekannt für spektakuläre Aktionen, besonders wenn Millionen von TV-Zuschauern weltweit dabei sind.

Eine neue Brücke entsteht

In der neuen BRÜCKE im Marx-Haus pflegten 27 Auslandsgesellschaften kulturellen Austausch mit Düsseldorf, darunter der deutsch russische Kreis "Kontakti". In der Gorbi-Euphorie der 90iger Jahre machte ich Führungen für Russen und fuhr 6mal mit meiner Schule zur Partnerstadt Moskau.
Als ich in der wunderschönen Metro eine Stunde lang vergebens das rettende Wort "Ausgang" suchte, lernte ich Russisch. "Maria iz Petersburga", ein Au Pair Mädchen, war eine strenge Lehrerin. Zehnmal ließ sie mich die Vokabel wiederholen: "Sdrastwuitje" (Guten Tag). "Nein Dieter, das ist noch nicht richtig". Wir übten im Flur der BRÜCKE, ausgerüstet mit Magnetophon und Steckdose.
Der Hausmeister blickte argwöhnisch vorbei: eine schöne junge Frau, ein alter Mann, Schweinereien?

Ich habe alles vergessen, aber wenn ich heute im Keller der BRÜCKE, unter dem alten Carschhaus, meinen Tiramisu genieße, sage ich leise "tirami su" (zieh mich rüber!).
"Maria iz Petersburga" sitzt neben mir, ich bin wieder jung und wir fahren zusammen in ihre große goldene Stadt.

Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Dienstag, 27. Dezember 2016

Der Bahnhofplatz wird aufgemöbelt

Die Schlacht um die Wehrhahnlinie ist geschlagen, jetzt ist der Bahnhof dran. Das Theater ist schon da, die Zentralbücherei folgt, das alte Autozug-Gelände neben dem Hansahaus bekommt Hotels und Gastronomie. Es wurde auch Zeit.

Zwar hatte die Deutsche Bahn in den 19-80er Jahren mit dem Düsseldorfer Haupt-Bahnhof ein Prestigeobjekt fertig gestellt. Der Bahnhofsplatz aber war und blieb ein Desaster. Keine einzige Adresse zum Ausgehen. Nur die Asiaten – allen voran tapfere Japaner - hatten keine Angst. Es ist ihr Viertel.


Bahnhöfe – die Kathedralen der Neuzeit

Hundert Jahre früher (1890) war der Bahnhof das Modernste und Feinste, was die Stadt zu bieten hatte. Bei der Ankunft im gläsernen Hof der fauchenden Lokomotiven durchschritt man einen wilhelminischen Prachtbau. Dann der erste Eindruck von Düsseldorf: ein Meer von Kuppeln und Türmchen, von besten Hotels und vornehmsten Restaurants. Ein Gang durch die Graf-Adolf-Straße wird zum Schaulaufen durch die Düsseldorfer Industrie-Produktion.

Der Stadtplaner Josef Hermann Stübben hatte den Bahnhof in den nördlichen Schenkel des Oberbilker Gleisdreiecks gesetzt. Er nennt dieses alte Gleis "Worringer Straße". Der neue Bahnhof lag schräg zum Schachbrettmuster der Karl- und Friedrichstadt und passte irgendwie nicht dazu. Aber Stübben hatte Glück: Auch die Feldwege zur Altstadt verliefen schräg, weil sie alle als Ziel das Flinger Stadttor hatten. Jetzt liefen sie in Ideal-Linie geradeswegs auf den Bahnhof zu.

Die wichtigste Straße war die Bismarckstr, durchgehend bis zur Altstadt. Denn sie war die Pfarrscheid¬Straße zwischen Bilk und Düsseldorf; daneben - noch zentraler und direkt auf den Haupteingang zu laufend - die einstige Kaiser Wilhelm Straße.


Kaiser, König, Edelmann…

Mit den Straßennamen feierte die Stadt Preußens Glanz und Gloria. Auf Schloss Jägerhof residierten sie und gaben sich die Klinke in die Hand: Prinz Friedrich von Preußen, Carl Anton von Hohenzollern, sowie Hochgeborene jeder Couleur, samt zahlreicher Kinder und Verwandtenschar.

Unter "Kurfürst" tat man es nicht. STEPHANIE war Königin von Portugal, LEOPOLD Fast König von Spanien (was zum Krieg 1870/71 gegen Frankeich führte), KARL war König von Rumänien, CHARLOTTE Kaiserin von Mexico.

Arme Charlotte! Nach der Erschießung ihres Mannes in der mexikanischen Revolution 1887 wurde sie wahnsinnig. Eine traurige Geschichte. Die Düsseldorfer nahmen es gelassen.

Als der Kaiser im November 1918 ins Exil nach Holland floh, sangen sie „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Kaiser hat in‘ Sack gehauen“. Und statt Kaiser Wilhelm- hieß es fortan Friedrich-Ebert-Straße, benannt nach dem ersten Präsidenten der neuen Republik.


Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Montag, 29. August 2016

D' Prinz kütt

… aber diesmal aus edlem Geblüt und dem berühmtesten Königshaus der Welt.

„Operation marriage" - 70 Jahre Nordrhein-Westfalen


Die Briten hatten vor 70 Jahren NRW gegründet. Jetzt wollten sie sehen, was aus ihrem Kind geworden ist. Prinz William Duke of Cambridge wurde dafür auserkoren und am Di. 23.August 2016 bei einem Staatsakt in Düsseldorf offiziell gehuldigt.

Seinerzeit vor 70 Jahren ging es um die Heirat von zwei grundverschiedenen Preußen: die Rheinprovinz und Westfalen, später kam noch das Land Lippe dazu.

Die “Operation Heirat” erwies sich als schwierig. Die Hochzeits-Vorbereitungen liefen in London.
Am21 Juni 1946 beschließt die britische Regierung unter Premierminister Clement Attlee und Außenminister Ernest Bevin die Auflösung der preußischen Staaten und die Neugründung von Nordrhein Westfalen. Bevin hatte als erster Düsseldorf ins Spiel gebracht.

Als Gründungstag fürs Geschichtsalbum gilt der 23 August 1946, als die Verordnung Nr. 46 der britischen Militärregierung in Kraft tritt:  “the new land will comprise the existing provinces of Nordrhein and Westfalen

... its capital will be Düsseldorf”


Unter einer riesigen britischen Fahne und der Aufsicht des Regional Commissioner William Asbury fand die konstituierende erste Sitzung im Opernhaus statt oder genauer in den Gebäuderesten, die der Krieg vom stolzen Opernhaus übrig gelassen hatte.

Die Düsseldorfer sangen damals: “Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,  hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!“  Mit den drei Zonen war die amerikanische, britische und französische Zone gemeint. Wir gehörten zum britischen Sektor.

Rudolf Amelunxen, der erste Regierungschef des neuen Landes, ein Kölner aus Westfalen, sprach 1946 einige Tage vor der ersten Sitzung im Rundfunk die denkwürdigen Sätze: ”Beide Gebiete sind Schwester-Provinzen. Den Unterschied hat der Freiherr von Stein gekennzeichnet, als er meinte, wenn man den Rheinländer etwas frage, sei die Antwort schon da, bevor die Frage ganz heraus sei, während der Westfale lieber morgen als heute antworte”.

Abschließend grüßte Amelunxen die Menschen mit “Glück auf” und richtete mit “Kölle alaaf” einen besonderen Gruß an seine “schwer geprüfte Geburtsstadt Köln”.

Autor: Dieter Jaeger    Redaktion: Bruno Reble   © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Sonntag, 29. Mai 2016

Einst Lena in der Arena, jetzt Paul mit Düsseldorf Helau

Schon die Rolling Stones sangen hier, Madonna, Bon Jovi, klarer Fall für Paul McCartney, der die schönsten Lieder der Beatles geschrieben hat. Am 28.Mai 2016 konnte er vor 27.000 begeisterten Fans beweisen, dass er nix verlernt hat.

Wie alles angefangen hat

1902 wurden die verschuldeten sechs „Stockumer Höfe“ von der Stadt Düsseldorf gekauft, um Stockum einzugemeinden. Von den Höfen ist nichts übrig geblieben, außer der Straßenbezeichnung.
1925 (die Franzosen waren gerade weg) wurde das Rheinstadion eingeweiht, aber nicht mit Liedern wie „Give peace a chance“, sondern stramm nationalistisch und säbelrasselnd. Reichspräsident und ex Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg hält die Eröffnungsrede: „1000 Jahre Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“. Die Nazis, von Hindenburg an die Regierung gebracht, übernehmen den strapazierten Begriff.

Der Stoff aus dem die Träume sind

Das Rheinstadion war für die Älteren ein Traum: die ersten Liebesgeschichten, die attraktivsten Männer, die schönsten Frauen auf der steinernen Terrasse.
1971 Erweiterung um die Messe; dann für die Fußballweltmeisterschaft 1974 Umbau und Erweiterung, 1988 Europameisterschaft Deutschland-Italien 1:1; viel Fußball, aber auch Tennis, Leichtathletik und Konzerte.

Das Stadion geht, die Arena kommt

2002 Abriss und Neubau einer Multifunktions-Arena: 2004 Einweihung mit Fortuna Düsseldorf vs. Hertha BSC 2:0 und 2012 der gleiche Gegner. Diesmal endet die Partie 2:2. In einem skandalumwitterten Relegationsspiel steigt Fortuna in die erste Liga auf, trotz diverser Spielunterbrechungen durch Bengalo-Feuerwerkskörper.
Am Anfang hieß die Sportstätte „LTU-Arena“, wegen Sponsoring durch die benachbarte Luft-Transport-Union. Ab 2009 heißt sie Esprit Arena, weil aus dem Hippiepärchen Susi und Douglas Tomkins, die 1968 in San Franzisco selbst genähte Kleider verkauften, der Weltkonzern und Sponsor ESPRIT wird mit Hauptsitz auf den Bermudas, Hongkong und Ratingen.

Und heute - wenn Paul singt

... dann tauchen sie wieder auf vor meinen Augen, die uralten Prozessionen, die Am Staad übersetzten, von Mönchenwerth und Neuss kommend, auf dem Weg zur Pilgerstätte Kaiserswerth, an den sechs Stockumer Höfen vorbei.
Es waren andere Gesänge, aber es war Musik, die große Kraft, die Menschen verbinden kann.

Autor: Dieter Jaeger    Redaktion: Bruno Reble   © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de