Sonntag, 23. April 2017

Rettet das Theatermuseum - Rettet das Hofgärtnerhaus!


Triton, der Meeresgott, den wir zärtlich "Jröne Jong" nennen, wehrt sich erschrocken gegen ein aus der Tiefe auftauchendes Flusspferd, dass ihm sein Essen stehlen will. Die Düsseldorfer fühlen sich wie Triton. Man will ihnen das schöne Haus neben dem Springbrunnen stehlen und privaten Investoren zuschanzen.

Kurfürst Carl Theodor hatte es angeordnet. Sein Architekt Nicolas de Pigage hatte es gebaut. Caspar Anton Huschberger hatte es nach den Zerstörungen durch die Franzosen 1804 wieder aufgebaut. Adolph von Vagedes arbeitete daran. Die modernen Gartenschöpfer Friedrich Hillebrecht (Ostpark / Volksgarten) und Walter von Engelhardt (Kö / Kugelspielerin) halfen mit. Der größte unter ihnen Maximilian Friedrich Weyhe wohnte in diesem Haus, zumindest eine Zeit lang. Die größten Theatermacher der Stadt Leberecht Immermann, Louise Dumont und Gustaf Gründgens machten es mit ihren Denkmälern zum Theatermuseum.

Das Portal zum Himmel


Das Hofgärtnerhaus war der Eingang zum Hofgarten, mit eisernem Gitter abgeschlossenem, dahinter die viel besungenen heiligen Felder (Champs Elysées) von Düsseldorf, also ein Ort, von wo es direkt in den Himmel geht. Goethe und Heine weilten weiland an dieser Stelle und sind heute gewissermaßen im „Himmel der Literatur“.

Hier vor der westlich gelegenen Stadtmauer befand sich einst der Gemüsegarten von Wilhelm dem Reichen, später der Hopfengarten von Jan Wellem. Hier entsteht ab 1769 der Hofgarten, der erste öffentliche Park Deutschlands, zur „Lust der Einwohnerschaft“, noch früher als der "Englische Garten" in München.

Mit Blasmusik und Gegröle


Schon einmal wurde das Haus des Hofgärtners entweiht, denn der Gärtner-Familie war es erlaubt, "Refraichments" zu reichen. Diese Erfrischungen scheinen jedoch ziemlich viel Alkohol enthalten zu haben, denn nach vierjährigem Aufenthalt in der Dienstwohnung des Hofgärtnerhauses gab der Gartenbaumeister Maximilian Weyhe im Jahre 1808 entnervt auf und zog in die Jacobistraße, weil der Lärm der Gastronomie im Untergeschoss, verbunden mit lauter Blasmusik nicht zu ertragen war.

Der Garten der Götter


Am Anfang gab es um das Gärtnerhaus einen eigenen kleinen Garten voller Gestalten der Götterwelt. Zwei ragten hervor und ergötzten die Düsseldorfer Gesellschaft bei ihren Spaziergängen über die "Pempelforter Promenade": das sonderbare Paar Herkules und Omphale.

Herkules, der stärkste Held der Antike war in blinder Liebe zu Omphale zum Narren geworden: in Frauenkleidern erschlafft, half er beim Wolle weben und Stricken.

Unser OB Thomas Geisel, der „Herkules von Düsseldorf“, wird sicherlich von anderen Qualen gepeinigt. Aber auch er muss aufpassen, dass er nicht zum Narren wird und dabei das Wichtigste verliert: das Vertrauen und die Zuneigung seiner Bürger.

Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © 2017 geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Dienstag, 28. März 2017

Nach über 100 Jahren: Carsch Haus macht dicht

Angefangen hatte alles im März 1915: Der Kaufmann Paul Carsch eröffnete ein „Haus für vornehme Herren- und Knabenkleidung, Sport- und Livree-Kleidung + Herren-Mode-Artikel“, als Gegenstück zum Warenhaus Tietz aus dem Jahre 1909 (heute: KAUFHOF). Beide Unternehmen mit prächtigen Jugendstil-Fassaden schrieben Kaufhausgeschichte.
Die Gründerfamilien Tietz und Carsch, wurden von den Nazis erst drangsaliert „Deutsche kauft nicht bei Juden!“ dann arisiert (d.h. zwangsenteignet) und verfolgt.
Nach den Zerstörungen des letzten Krieges wurde das zertrümmerte Carsch-Haus 1949 von der englischen Militärbehörde zum „Anglo German Center“ aufgebaut.
Wo unsere Kinoleidenschaft begann
Dieter Jäger erinnert sich: „Reeducation“ nannten sie es, wir wurden alle entnazifiziert. Ich wusste mit den Nazis damals noch nicht viel anzufangen, aber es gab Micky Maus, Dick und Doof umsonst. Da nahm man auch schon mal die vielen Kulturfilme in Kauf; alles in Englisch, das half mir in der Schule.
Ich hatte bis dahin nicht viele Filme gesehen, meine Mutter nannte es Teufelszeug… und es kostete Geld. Hier also alles umsonst, der Start meiner geheimen Leidenschaft in den Kinos auf der Graf Adolf Straße.
Nach dem Kino ging es nebenan zum einzigen Paternoster im Marx-Haus: Oben würde man umkippen, hieß es oder unten auf dem Kopf stehen. Es war Kino live: zuerst die Schuhe, die Beine, dann vielleicht eine schöne Frau; und spannend war es auch, das rechtzeitige Raus- und Reinspringen.
"Schiebung" war in
Als 1979 die U-Bahn kam, wurde "Die Brücke" (so hieß das Haus jetzt) um 23 m nach hinten verschoben, Stein für Stein abgebaut, nummeriert und wieder zusammen gesetzt, eine einmalige Aktion.
Drei Jahre zuvor hatte man eine noch größere „Brücke am Rhein“ verschoben: der Neubau der Oberkasseler, knapp 50 Tonnen Stahl mit viel Schmierseife 50 m stromabwärts. Düsseldorf war schon immer bekannt für spektakuläre Aktionen, besonders wenn Millionen von TV-Zuschauern weltweit dabei sind.

Eine neue Brücke entsteht

In der neuen BRÜCKE im Marx-Haus pflegten 27 Auslandsgesellschaften kulturellen Austausch mit Düsseldorf, darunter der deutsch russische Kreis "Kontakti". In der Gorbi-Euphorie der 90iger Jahre machte ich Führungen für Russen und fuhr 6mal mit meiner Schule zur Partnerstadt Moskau.
Als ich in der wunderschönen Metro eine Stunde lang vergebens das rettende Wort "Ausgang" suchte, lernte ich Russisch. "Maria iz Petersburga", ein Au Pair Mädchen, war eine strenge Lehrerin. Zehnmal ließ sie mich die Vokabel wiederholen: "Sdrastwuitje" (Guten Tag). "Nein Dieter, das ist noch nicht richtig". Wir übten im Flur der BRÜCKE, ausgerüstet mit Magnetophon und Steckdose.
Der Hausmeister blickte argwöhnisch vorbei: eine schöne junge Frau, ein alter Mann, Schweinereien?

Ich habe alles vergessen, aber wenn ich heute im Keller der BRÜCKE, unter dem alten Carschhaus, meinen Tiramisu genieße, sage ich leise "tirami su" (zieh mich rüber!).
"Maria iz Petersburga" sitzt neben mir, ich bin wieder jung und wir fahren zusammen in ihre große goldene Stadt.

Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Dienstag, 27. Dezember 2016

Der Bahnhofplatz wird aufgemöbelt

Die Schlacht um die Wehrhahnlinie ist geschlagen, jetzt ist der Bahnhof dran. Das Theater ist schon da, die Zentralbücherei folgt, das alte Autozug-Gelände neben dem Hansahaus bekommt Hotels und Gastronomie. Es wurde auch Zeit.

Zwar hatte die Deutsche Bahn in den 19-80er Jahren mit dem Düsseldorfer Haupt-Bahnhof ein Prestigeobjekt fertig gestellt. Der Bahnhofsplatz aber war und blieb ein Desaster. Keine einzige Adresse zum Ausgehen. Nur die Asiaten – allen voran tapfere Japaner - hatten keine Angst. Es ist ihr Viertel.


Bahnhöfe – die Kathedralen der Neuzeit

Hundert Jahre früher (1890) war der Bahnhof das Modernste und Feinste, was die Stadt zu bieten hatte. Bei der Ankunft im gläsernen Hof der fauchenden Lokomotiven durchschritt man einen wilhelminischen Prachtbau. Dann der erste Eindruck von Düsseldorf: ein Meer von Kuppeln und Türmchen, von besten Hotels und vornehmsten Restaurants. Ein Gang durch die Graf-Adolf-Straße wird zum Schaulaufen durch die Düsseldorfer Industrie-Produktion.

Der Stadtplaner Josef Hermann Stübben hatte den Bahnhof in den nördlichen Schenkel des Oberbilker Gleisdreiecks gesetzt. Er nennt dieses alte Gleis "Worringer Straße". Der neue Bahnhof lag schräg zum Schachbrettmuster der Karl- und Friedrichstadt und passte irgendwie nicht dazu. Aber Stübben hatte Glück: Auch die Feldwege zur Altstadt verliefen schräg, weil sie alle als Ziel das Flinger Stadttor hatten. Jetzt liefen sie in Ideal-Linie geradeswegs auf den Bahnhof zu.

Die wichtigste Straße war die Bismarckstr, durchgehend bis zur Altstadt. Denn sie war die Pfarrscheid¬Straße zwischen Bilk und Düsseldorf; daneben - noch zentraler und direkt auf den Haupteingang zu laufend - die einstige Kaiser Wilhelm Straße.


Kaiser, König, Edelmann…

Mit den Straßennamen feierte die Stadt Preußens Glanz und Gloria. Auf Schloss Jägerhof residierten sie und gaben sich die Klinke in die Hand: Prinz Friedrich von Preußen, Carl Anton von Hohenzollern, sowie Hochgeborene jeder Couleur, samt zahlreicher Kinder und Verwandtenschar.

Unter "Kurfürst" tat man es nicht. STEPHANIE war Königin von Portugal, LEOPOLD Fast König von Spanien (was zum Krieg 1870/71 gegen Frankeich führte), KARL war König von Rumänien, CHARLOTTE Kaiserin von Mexico.

Arme Charlotte! Nach der Erschießung ihres Mannes in der mexikanischen Revolution 1887 wurde sie wahnsinnig. Eine traurige Geschichte. Die Düsseldorfer nahmen es gelassen.

Als der Kaiser im November 1918 ins Exil nach Holland floh, sangen sie „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, der Kaiser hat in‘ Sack gehauen“. Und statt Kaiser Wilhelm- hieß es fortan Friedrich-Ebert-Straße, benannt nach dem ersten Präsidenten der neuen Republik.


Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble     © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Montag, 29. August 2016

D' Prinz kütt

… aber diesmal aus edlem Geblüt und dem berühmtesten Königshaus der Welt.

„Operation marriage" - 70 Jahre Nordrhein-Westfalen


Die Briten hatten vor 70 Jahren NRW gegründet. Jetzt wollten sie sehen, was aus ihrem Kind geworden ist. Prinz William Duke of Cambridge wurde dafür auserkoren und am Di. 23.August 2016 bei einem Staatsakt in Düsseldorf offiziell gehuldigt.

Seinerzeit vor 70 Jahren ging es um die Heirat von zwei grundverschiedenen Preußen: die Rheinprovinz und Westfalen, später kam noch das Land Lippe dazu.

Die “Operation Heirat” erwies sich als schwierig. Die Hochzeits-Vorbereitungen liefen in London.
Am21 Juni 1946 beschließt die britische Regierung unter Premierminister Clement Attlee und Außenminister Ernest Bevin die Auflösung der preußischen Staaten und die Neugründung von Nordrhein Westfalen. Bevin hatte als erster Düsseldorf ins Spiel gebracht.

Als Gründungstag fürs Geschichtsalbum gilt der 23 August 1946, als die Verordnung Nr. 46 der britischen Militärregierung in Kraft tritt:  “the new land will comprise the existing provinces of Nordrhein and Westfalen

... its capital will be Düsseldorf”


Unter einer riesigen britischen Fahne und der Aufsicht des Regional Commissioner William Asbury fand die konstituierende erste Sitzung im Opernhaus statt oder genauer in den Gebäuderesten, die der Krieg vom stolzen Opernhaus übrig gelassen hatte.

Die Düsseldorfer sangen damals: “Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,  hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!“  Mit den drei Zonen war die amerikanische, britische und französische Zone gemeint. Wir gehörten zum britischen Sektor.

Rudolf Amelunxen, der erste Regierungschef des neuen Landes, ein Kölner aus Westfalen, sprach 1946 einige Tage vor der ersten Sitzung im Rundfunk die denkwürdigen Sätze: ”Beide Gebiete sind Schwester-Provinzen. Den Unterschied hat der Freiherr von Stein gekennzeichnet, als er meinte, wenn man den Rheinländer etwas frage, sei die Antwort schon da, bevor die Frage ganz heraus sei, während der Westfale lieber morgen als heute antworte”.

Abschließend grüßte Amelunxen die Menschen mit “Glück auf” und richtete mit “Kölle alaaf” einen besonderen Gruß an seine “schwer geprüfte Geburtsstadt Köln”.

Autor: Dieter Jaeger    Redaktion: Bruno Reble   © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Sonntag, 29. Mai 2016

Einst Lena in der Arena, jetzt Paul mit Düsseldorf Helau

Schon die Rolling Stones sangen hier, Madonna, Bon Jovi, klarer Fall für Paul McCartney, der die schönsten Lieder der Beatles geschrieben hat. Am 28.Mai 2016 konnte er vor 27.000 begeisterten Fans beweisen, dass er nix verlernt hat.

Wie alles angefangen hat

1902 wurden die verschuldeten sechs „Stockumer Höfe“ von der Stadt Düsseldorf gekauft, um Stockum einzugemeinden. Von den Höfen ist nichts übrig geblieben, außer der Straßenbezeichnung.
1925 (die Franzosen waren gerade weg) wurde das Rheinstadion eingeweiht, aber nicht mit Liedern wie „Give peace a chance“, sondern stramm nationalistisch und säbelrasselnd. Reichspräsident und ex Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg hält die Eröffnungsrede: „1000 Jahre Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“. Die Nazis, von Hindenburg an die Regierung gebracht, übernehmen den strapazierten Begriff.

Der Stoff aus dem die Träume sind

Das Rheinstadion war für die Älteren ein Traum: die ersten Liebesgeschichten, die attraktivsten Männer, die schönsten Frauen auf der steinernen Terrasse.
1971 Erweiterung um die Messe; dann für die Fußballweltmeisterschaft 1974 Umbau und Erweiterung, 1988 Europameisterschaft Deutschland-Italien 1:1; viel Fußball, aber auch Tennis, Leichtathletik und Konzerte.

Das Stadion geht, die Arena kommt

2002 Abriss und Neubau einer Multifunktions-Arena: 2004 Einweihung mit Fortuna Düsseldorf vs. Hertha BSC 2:0 und 2012 der gleiche Gegner. Diesmal endet die Partie 2:2. In einem skandalumwitterten Relegationsspiel steigt Fortuna in die erste Liga auf, trotz diverser Spielunterbrechungen durch Bengalo-Feuerwerkskörper.
Am Anfang hieß die Sportstätte „LTU-Arena“, wegen Sponsoring durch die benachbarte Luft-Transport-Union. Ab 2009 heißt sie Esprit Arena, weil aus dem Hippiepärchen Susi und Douglas Tomkins, die 1968 in San Franzisco selbst genähte Kleider verkauften, der Weltkonzern und Sponsor ESPRIT wird mit Hauptsitz auf den Bermudas, Hongkong und Ratingen.

Und heute - wenn Paul singt

... dann tauchen sie wieder auf vor meinen Augen, die uralten Prozessionen, die Am Staad übersetzten, von Mönchenwerth und Neuss kommend, auf dem Weg zur Pilgerstätte Kaiserswerth, an den sechs Stockumer Höfen vorbei.
Es waren andere Gesänge, aber es war Musik, die große Kraft, die Menschen verbinden kann.

Autor: Dieter Jaeger    Redaktion: Bruno Reble   © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de

Samstag, 30. April 2016

1516 – 2016: Fünfhundert Jahre Reinheitsgebot

Gefeiert wird in diesen Tagen die Reinheits-Verordnung des Bayern-Herzogs Wilhelm IV vom 23.April 1516 „zu kainem Pier“ mehr zu nehmen „dann allein Gersten, hopffen und wasser“. Ein adeliger Verwandter, unser Kurfürst Jan Wellem erweiterte dieses Gebot 1706 für Düsseldorf.
Das war wohl nötig, denn die Grut, die damalige Würze war schrecklich in den Zeiten, als Hopfen knapp und teuer war und „Ersatzstoffe“ wie Gagelstrauch und Bilsenkraut, Tollkirsche und Katzenhirn verheerende Nebenwirkungen hatten.
Aus einem Ratgeber von 1731 „Der Zu allerley guten Geträncken treuhertzig-anweisende wohlerfahrne und Curiose Keller-Meister“: Etliche Biere „haben die Art (…) daß sie einem gleichsam vor Brust und Herzen liegen / nicht gerne hinunter wollen / einen aufgeblasenen Leib machen / die schmerzhafte Colic und das grausame Grimmen im Leib / desgleichen auch die kalte Piß verursachen…" (Quelle: books.google.de)

Wie wird Alt Bier gebraut?

 1. In der Mälzerei wird die Gerste geweicht, gekeimt und getrocknet (=„darren“); je höher die Temperatur, umso dunkler das Malz und die Farbe des späteren Bieres.
2. Im Sudhaus kommt Wasser hinzu, das Gemisch wird erhitzt, aus der Malzstärke wird Zucker und in der Würzpfanne kommt der stabilisierende Hopfen hinzu.
3. Im Gärtank wird Hefe hinzugefügt (und sonst nix!). Der Gärprozess kann beginnen. Aus Malzzucker wird Alkohol.

"Alt" ist tatsächlich alt, im Sinne von "alter Tradition". Gebraut wird obergärig bei (Normal-) Temperaturen, die im Rheinland vorherrschen, während das untergärige Pils früher nur im Winter oder im kalten Gebirge gebraut werden konnte. 1871 wurde von Linde die Kältemaschine erfunden und untergäriges Bier konnte an jedem Ort hergestellt werden.
Von da an wurde es chic, Pils zu brauen, weil es einen höheren Profit abwarf. Denn Pils war hell, haltbarer und sah aus wie der vornehme Wein. Die Kölner imitierten diesen Trend. Denn ihr Kölsch ist - obwohl obergärig – von blasser Farbe. weil das Malz beim Rösten nur spärlich erhitzt wird. Kölsch ist also nichts weiter als „kastriertes“ Alt. Deshalb bleiben wir in Düsseldorf lieber beim Original, einem würzigen, vollmundigen ALT von kräftiger Konstitution.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

Bier ist so alt wie die Welt. Eine schöne Geschichte erzählt das GILGAMESCH-Epos aus dem alten Babylon. Der König hatte einen Nebenbuhler, den Wilden Enkidu. Er schickt eine Hure zu ihm, um ihn zu erledigen. Die Hure aber war eine weise Frau: ”Nimm das Brot, iss, wie es bei uns Brauch ist.“ Enkidu aß 7 Laib Brot. “Nimm das Bier und trink, wie es bei uns Brauch ist.” Enkidu trank sieben Krüge Bier. Da entspannten sich seine Züge, seine Seele frohlockte. Er wusch sich den zotteligen Leib, salbte sich mit Öl und WARD ZUM MENSCHEN.

Autor: Dieter Jaeger     Redaktion: Bruno Reble     © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de
Weiterführende Literatur: Wulf Metzmacher: Düsseldorfer Brauhäuser zu Fuß, Bachem Verlag 2004 (vergriffen, aber im Antiquariat erhältlich oder ausleihen bei der Stadtbücherei)

Mittwoch, 30. März 2016

Es war einmal: Rheinbahn Umbau 2016

Die Eisenbahn hat die Industrie hervorgebracht (im Rheinland ab 1838). Sie ist das Rückgrat für alle weiteren Mobilitäten.
Mit der Eisenbahn entsteht ein eigener Gleiskörper, unbenutzbar für die anderen Verkehrsmittel. Ein eiserner Ring ist die neue Stadtmauer, aber die Strecken innerhalb der neuen Stadt sind zu weit geworden.

Damit schlägt die Geburtsstunde für die Straßenbahn. Sie füllt die Straßen innerhalb des eisernen Rings und geht über diesen Ring hinaus. Sie mischt sich unter das Volk, das Bimmeln, das Quietschen, schon jetzt spüren wir eine gewisse Leere am Heinrich Heine Platz. So volkstümlich sie war, ihr Vorbild war doch immer die Eisenbahn, die wie ein Militär auftrat. Und so wird aus unserer guten alten Straßenbahn  immer mehr  eine straff organisierte Eisenbahn.

Wenn beide aufeinander treffen, tritt die Straßenbahn demütig zurück, obwohl sie doch der Eisenbahn wichtige Dinge lehrt, z.B die Elektrizität. Aber man muss aussteigen und hinter den Gleisen mit einer anderen Bahn weiterfahren. Schließlich baut man Tunnel und Brücken.

1876 die erste Straßenbahn


Sie fährt fast die gleiche Strecke wie die Wehrhahnlinie, aber es gibt Unterschiede: Es werden Leichen transportiert. Der Betriebshof ist ein einfacher Pferdestall. Gepäck und Koffer stapeln sich im Innern. Der Fahrer steht bei Wind und Wetter im Freien. Die Polster  für die erste Klasse sind auf den hinteren Bänken und müssen zur Rückfahrt wieder nach hinten gebracht werden, denn es gibt keine Wende. Man hält auf Zuruf oder steigt nach Belieben seitlich aus. Dieses ständige „stop and go“ für die armen Pferde bringt Tierschutzvereine hervor.

Um 1900 kommt die „Elektrische“


Zunächst 1896 linksrheinisch die “Rheinbahn”; sie zeigt mit ihren Überlandbahnen ABC, später KMN elektrische Wunderwerke. Man ist schon ganz nahe an der bewunderten Eisenbahn. 1926 erwirbt die Rheinbahn auch die rechtsrheinische Düsseldorfer Straßenbahn.

1958 der Höhepunkt (wir hatten 30 Linien) und Niedergang; „Tamms Autostadt“ regiert Düsseldorf. Die 70iger bringen eine Rückkehr zur Schiene und eine Verschmelzung der Konzepte. S- und U-Bahnen werden zur Straßenbahn auf Eisenbahnschienen.

Der Untergrund hat zwei Stränge: West-Ost und Nord-Süd


West-Ost nimmt die Ur-Idee der Rheinbahn auf: K-Bahn nach Krefeld, D-Hbf, dann über die Kölner Straße weiter nach Osten: Oberbilk, Holthausen, Benrath.

Nach Süden ist die Fleher Brücke im Visier. Auf der uralten Himmelgeister waren schon die Fürsten per Pferd nach Düsseldorf gezogen, weil sie die gefährlichen Rheinbögen der Schifffahrt fürchteten.

Die Wehrhahnlinie verstärkt noch mal die Kreuzidee, nach Osten allerdings mit einem weiteren Strang (Wehrhahn, Grafenberger Allee), d.h. die einzige alte Ausfahrt nach Osten: die Reichsstr.1.

Tunnel gibt es nur im inneren Weichbild der Stadt. Die Bahnen fahren oben, heißen aber U-Bahn, eine Mogelpackung. Der Umbau 2016 trifft vor allem die Straßenbahn.

Wo sind all die Linien hin, wo sind sie geblieben?


Die stolze 1 verliert eine Hälfte, die 3 musste fallen, die 4 wird aufgewertet, die 5 aus dem nichts geholt, die 6 wird uns am meisten fehlen, die 7 macht nun den Hafen, weil die 8 aufgibt, sie wird wohl als erste eingestellt. Nur die 9 bleibt in alter Pracht.

1916 – 2016: hundert Jahre lang haben uns die 18 mythischen Zahlen begleitet. Eine Epoche geht zu Ende.
Autor: Dieter Jaeger      Redaktion: Bruno Reble        © geschichtswerkstatt-duesseldorf.de